Zwei Törns auf der Nordsee

Hanno Niesler

Nachdem der Urlaub ihres Eigners im Sommer 1982 zuende gegangen war, sollte die 10m-Yacht von Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal zurück nach Staveren am Ijsselmeer geführt werden. Dies übernahm alljährlich ein Freund des Eigners, und mein kleiner Bruder und ich sollten diesmal mit von der Partie sein. In Rendsburg wurde das Schiff übergeben, von dort aus ging es unter Maschine den Kanal entlang nach Brunsbüttel. Dort befindet sich die Seeschleuse, die die gezeitenabhängige Elbmündung vom Kanal trennt. Die Fahrt über den Kanal war recht interessant, denn hier begegnet man ständig Seeschiffen, oder wird von solchen überholt. An den Kanalufern gibt es viele Industrieanleger und Werften, sodaß für reichlich Abwechselung gesorgt war. In Rendsburg passierten wir die Eisenbahn-Hochbrücke mit der berühmten Schwebefähre, die unter der Brücke, mit Stahlseilen befestigt, an einer Laufkatze hängt, und die die gut 130m Kanalbreite in etwa eineinhalb Minuten bewältigt. Sechs Autos und 60 Fußgänger können so seit über 90 Jahren den Kanal überqueren.

Die Eisenbahn-Hochbrücke in Rendsburg. An der Brücke ist die Laufkatze zu erkennen. Die Rendsburger Schwebefähre.
Die Eisenbahn-Hochbrücke in Rendsburg.
An der Brücke ist die Laufkatze zu
erkennen.
Die Rendsburger Schwebefähre.
Eine von vielen Werften. Damals sah man noch einige alte Pötte.
Eine von vielen Werften.
Damals sah man noch einige alte Pötte.

Am zweiten Tag ging es weiter nach Cuxhaven, und weil das Wetter und die Zeit es zuließen, wurde als nächster Hafen Helgoland eingeplant. In der Elbmündung hat man als Landratte auf so einem kleinen Schiff schon fast Hochseegefühle, weil die ersten Brecher hin und wieder überkommen. Die Strecke nach Cuxhaven schien sich endlos in die Länge zu ziehen, denn ich konnte kaum erwarten, endlich auf der offenen Nordesee zu sein - alles andere ist ja höchstens was für Süßwasserpiraten!

Ein Seenot-Rettungskreuzer auf Station in Cuxhaven. ...und noch einer.
Ein Seenot-Rettungskreuzer auf Station
in Cuxhaven.
...und noch einer.

Doch die Nordsee kam, und zwar gewaltig. Kaum hatten wir am dritten Tag die Cuxhavener Marina verlassen und Kurs Richtung offenes Meer eingeschlagen, fing es auch schon an zu hacken. Während die Wellenhöhe in der Elbmündung bei schlappen ein bis eineinhalb Metern lag, bekamen wir es hier mit einer ganz anderen Sorte Seegang zu tun. Ich hatte das Gefühl, der Weg nach Helgoland führt weniger geradeaus, sondern er schien mir eher senkrecht orientiert zu sein: Die Reise glich einer endlosen Fahrstuhlfahrt zwischen dem ersten und dritten Stock.
Sowas macht auf Dauer natürlich auch der Magen der stärksten Landratte nicht mit, die ich ja naturgegebenermaßen nun mal leider war. Die ersten zwei Stunden ging es noch gut, aber dann plötzlich konnte ich gar nicht mehr schnell genug an die Reling kommen... Von da an war nur noch liegen angesagt, nicht in der Koje, sondern in der Plicht. An Einschlafen war dabei nicht zu denken, das wäre zu schön gewesen - mindestens alle Minute wurde ich nämlich vom überkommenden Wasser wieder aufgeweckt. Die einzige Abwechselung, die möglich war, war, die Hand zu heben, was schon ausreichte. Von diesem Moment an hatte man dann zwei Sekunden, um an die Reling zu kommen.

Anständig Schräglage.
Anständig Schräglage.

Nach wirklich endlosen Stunden der Quälerei liefen wir auf Helgoland ein, und das bemerkenswerte dabei war: Sowie die Schaukelei vorbei war, ging es mir unverzüglich wieder blendend! Erst bei der zweiten Reise ein Jahr später hat sich gezeigt, das die Seekrankheit zumindest bei mir mit der Passivität einhergeht, zu der ich während der Reise war. Die Ereignisse im zweiten Jahr sollten keinerlei Seekrankheit mehr aufkommen lassen...

Helgoland ist eine faszinierende Insel. So klein, das man sie in gut zweieinhalb Stunden zu Fuß umrunden kann, trifft dort moderne Technik auf unberührte Natur. - Das man im 2. Weltkrieg versucht hat, die Insel mit 6000 Tonnen Sprengstoff komplett in die Luft zu sprengen, und das die Explosion noch in Cuxhafen die Fenstescheiben zersplittern ließ, wußte ich damals noch nicht. - Natürlich habe ich innerlich über die Butterschiffe und deren Touristen gelacht, die im Hafen ausgebootet werden, denn wir waren ja auf standesgemäße Weise angereist und konnten zB. auch von den zivilen Einkaufspreisen profitieren: Um 16:00 Uhr, wenn die Butterschiffe ablegen und die Touristen weg sind, werden auf Helgoland nämlich alle Preisschilder umgedreht!

Ein Butterschiff
Ein Butterschiff.
Blick auf die Lange Anna. Blick von den Klippen. Blick von der Langen Anna in Richtung Leuchtturm.
Blick auf die "Lange Anna."
Blick von den Klippen.
Blick von der "Langen Anna" in Richtung Leuchtturm.

Am nächsten Morgen ging die Reise weiter nach Norderney. Schnell noch ein Foto von der WILHELM KAISEN gemacht. Die Prozedur dann war ähnlich wie am Tag zuvor: Liegen, Reling, liegen, usw. Doch wenn die Schaukelei nur lange genug dauert - über 8 Stunden an diesem Tag - dann beginnt man langsam, sich daran zu gewöhnen. Vor Norderney ging es mir fast gut, was sich aber am Beginn des darauf folgenden Tag schon wieder erledigt hatte. Merke: Um mich an ein Schiff zu gewöhnen sollte die Reise möglichst nicht unterbrochen werden!

SRK WILHELM KAISEN im Helgoländer Hafen. Der helgoländer SAR-Hubschrauber.
SRK WILHELM KAISEN
im Helgoländer Hafen.
Der helgoländer SAR-Hubschrauber.
Eine Fahrwassertonne vor Nordeney.
Eine Fahrwassertonne vor Nordeney.

Ebenfalls ganz schön in die Länge zog sich die Fahrt von Norderney nach Borkum, denn man muß um Juist und Borkum herum segeln, um den Hafen von Borkum zu erreichen. Irgendwo auf diesem Abschnitt habe ich dann das Verssungsschiff NORDERNEY auf See getroffen, das im selben Jahr als Baukasten erschien... So kommt man als Modellbauer zu neuen Vorhaben. Leider war sie zu weit entfernt zum fotografiern, dennoch konnte man gut ihre steile Hecksee ausmachen, die nicht nur für das Modell typisch ist. Als Entschädigung für das fehlende Foto gibt's dieses hier:

Ähnlich kam auch die NORDERNEY daher, nur weiter entfernt.
Ähnlich kam auch die NORDERNEY daher,
nur weiter entfernt.

Nun war die erste Reise für mich schon fast zu Ende, denn bei der ersten Landberührung nach Borkum mußten wir von Bord: Die Ferien gingen zu Ende, und das neue Schuljahr wartete. Wie der letzte Hafen hieß weiß ich nicht mehr, vermutlich weil mich der Schulbeginn und das damit verbundene Ende der Reise deart grämte, das ich es auch gar nicht wissen wollte... Nur das er bereits in Holland lag ist mir noch in Erinnerung geblieben.

* * * * * * *

Nach dem folgenden, einjährigen Landgang hat der Körper die Gewöhnung an die See längst vergessen, aber ebenso der Geist. Denn zu einer zweite Reise war ich ein Jahr später sofort bereit - ganz im Gegensatz zu meinem Bruder, der hatte anscheinend gelernt! An seiner Stelle war ein Schulkamerad dabei.

Die DGzRS sichert das Anlegemanöver eines Mienensuchers auf Norderney.
Die DGzRS sichert das Anlegemanöver
eines Mienensuchers auf Norderney.

Diesmal starteten wir in Harlesiel, die Planung sah wieder die Stationen Norderney und Borkum vor. Dann würde man sich unterwegs Gedanken machen, auf welchem Weg man nach Staveren gelangt. Galt es doch auch diesmal, die Yacht dort abzuliefern. Da die Zeit etwas knapper bemessen war, und auch das Wetter weniger gut, sah der Skipper von der Tour nach Helgoland ab. Das ärgerte mich zwar ein wenig, glaubte ich doch, das der zweite Törn dadurch etwas langweiliger werden würde als der erste.

Harlesiel Das Sieltor mit Schleuse.
Harlesiel
Das Sieltor mit Schleuse.

Die Reise bis nach Borkum verlief auf gewohnte Weise, wenngleich wir wegen des Windes aus West- Südwest zum Kreuzen gezwungen waren. Leider stellte sich auch diesmal wieder das Resultat der mangelnden Gewöhnung an kleine Wasserfahrzeuge ein, wenngleich nicht so schlimm wie im Vorjahr. Doch das alles konnte meine Laune nicht trüben, zumal ich diesmal ja nicht vorzeitig abmustern mußte.

Eine Sandbank mit Seehunden... ...auch mit Tele kaum zu erkennen, aber stören wollten und durften wir sie nicht.
Eine Sandbank mit Seehunden...
...auch mit Tele kaum zu erkennen,
aber stören wollten
und durften wir sie nicht.

Auf Borkum wurde dann der Beschluß gefasst, über die Kanäle nach Staveren zu fahren, die von der Emsmündung aus bis zum Ijsselmehr führen. Schön sei es da allemal, und wegen dem Wind sei es besser... Die Kreuzerei kostete nur Zeit, und mit Maschine auf offener See fahren kommt für einen richtigen Segler aus Prinzip nicht in Frage. Also ging es am nächsten Morgen los Richtung Ems. Ein wenig kreuzen noch, und dann, noch vor ablaufenden Wasser hinein, fertig. So war der Plan.

Überholen mit Maschine, das kann ja jeder!
Überholen mit Maschine,
das kann ja jeder!

Aber es kam ein bischen anders, ein wenig mehr Wind, und der drehte ein wenig mehr nach Süd, die Ebbe setzte ein bischen eher ein - oder waren wir es, die später dran waren? Jedenfalls mußten wir gegen den Strom und gegen den Wind, und irgendwann kamen dann auch schon die ersten Sandbänke in Sicht. Und dann auch die erste Grundberührung.

Nur bei niedrigem Seegang... ...ist es ratsam, ...
Nur bei niedrigem Seegang...
...ist es ratsam, ...
...den Fotoapparat... ...herauszuholen.
...den Fotoapparat...
...herauszuholen.

"Na gut, Schwert raus, noch ein bischen härter an den Wind, und wir rutschen da noch gerade 'rüber!" Ein Holländer war an Backbord bereits trockengefallen. "Zur Not, wenn alle Stricke reißen, können wir es ja so machen wie der!" Bald schon war um uns herum nur noch Sand, über den der Wind mit 6 Windstärken pfiff. Dann wieder Grundberührung, diesmal mit eingeholtem Schwert, dann nochmal und nochmal. Der Wind drückt uns immer weiter auf die Sandbank. Dann haben wir uns endgültig festgefahren. Warum hat der Skipper nicht die Maschine angeworfen, und sei es nur, um hier runter zu kommen, fragte ich mich. Jetzt war es zu spät, wir saßen drauf. "Na gut, dann eben so. Fahren wir heute Nacht mit auflaufendem Wasser weiter. Zum Abend flaut der Wind sicher ab." Anker 'raus, damit wir nicht weiter auf die Sandbank treiben, wenn das Wasser später wieder aufläuft. Das Schiff lag nun auf der Sandbank. Erstaunlich, wie schnell das Wasser abläuft. Auf einmal war um uns herum nur noch Sand, kein Wasser mehr zu sehen, wie in einer Wüste. Also erst mal Essen gemacht.

Dieses Schicksal sollte uns auch bald ereilen...
Dieses Schicksal sollte
auch uns bald ereilen...

Ein lautes Rattern zeigte an, das irgendetwas mit dem Wind nicht stimmte. Die Öse eines Wantes hatte sich durch die Schräglage entlastet. Bei der Suche nach der Ursache war sofort klar, das der Wind zugennommen hat. Sieben bis Acht war jetzt angesagt, also war es nichts mit "...nimmt sicher ab zum Abend." Gegen 20:00 hörten wir die ersten Wellen gegen den Rumpf spülen. Gegen 21:00 hieß es Ölzeug an und 'raus. Der Wind blies jetzt mit Stärke 9. Anseilen, damit keiner über Bord geht. Kurz darauf wird die Yacht zum ersten mal von einer Welle angehoben. In den Wellentälern kann man dnoch immer den Sand sehen, so flach ist das Wasser, aber die Wellen selber sind über zwei Meter hoch. Ab jetzt beginnt eine Tortur für das Schiff. Mit jeder Welle kommen sie frei, um danach sofort mit dem Kiel wieder auf die Sandbank zu donnern. Wir werden unter Deck geschickt, denn jetzt wird es wirklich ungemütlich. Wie lange kann der Glasfaserrumpf aushalten, immerhin wiegt der Kahn sechseinhalb Tonnen? An Deck bricht die Ankertrosse. Erst nach zweieinhalb Stunden ist das schlimmste vorbei, das Schiff ist frei. Aber der Anker ist verloren, und mit ihm der Ersatzanker, der als Ballast mit an der Trosse hing. Ich werde an Deck gerufen, muß das Leuchtfeuer der Tonne im Auge behalten, die den Anfang der Fahrrinne markiert. Fünf mal blinken, fünf Sekunden Pause. Ich muß die Sekunden laut mitzählen, damit ich das Licht nach der Pause wiederfinde hinter den Wellen. In fünf Sekunden hat sich das Schiff oft um mehr als 90 gedreht, einmal ist die Tonne da, bei der nächsten Periode wieder ganz woanders. Nun wollen wir Kurs auf das Leuchtfeuer nehmen, denn dort ist die Fahrrinne, von der wir seit Bruch der Ankertrosse weit abgetrieben sind. Aber das Ruder ist kaputt, hat die Aufschläge nicht verkraftet. Das Schiff läßt sich kaum auf Kurs halten. Die Wellen sind immer noch gut drei Meter hoch. Was nun? Am Horizont steigen zwei rote Leuchtkugeln in den Himmel. Der Holländer! Sollen wir auch Seenotsignal absetzten? Dann kommt die DGzRS und schleppt uns 'rein. Nein, wenn es irgendwie geht, dann nicht. Wenn die kommen, machen die die Trosse am Mastfuß fest. Und dann wird das gesamte Vorschiff rasiert.

Essen bei Schräglage und Schaukelei ist auch nicht so ganz einfach...
Essen bei Schräglage und Schaukelei
ist auch nicht so ganz einfach...

Endlich ließt sich das Schiff wieder ein wenig steuern. Bei einer bestimmten Drehzahl sprach das Ruder noch leicht an. So konnten wir zu der Leuchttonne laufen und die Fahrrinne finden, rechtzeitig bevor das Wasser erneut begann, zurück zu gehen. Doch wie geht's nun weiter? Die Fahrwassertonnen sind nicht auszumachen. Nur eine, nahe der Leuchttonne taucht im Scheinwerferlicht auf. Radar gab es nicht. Hier ankern fällt mangels Anker auch aus. Also bleibt nichts anderes übrig als den Rest der Nacht um die beiden Tonnen herum im Kreis zu fahren. Ich bin jetzt erst mal in die Koje gefallen.

Als die Dämmerung einsetzte konnte die Crew dank der Kreuzpeilung, die wir zur Positionsbestimmung für einen eventuellen Notruf gemacht hatten, die beiden Anker wiederfinden und bergen. Sie lagen dreihundert Meter neben dem Fahrwasser auf der Sandbank. Nun liefen wir unter Maschine in die Emsmündung ein. Bei Tageslicht wiesen die Pricken den Weg. Der Wind flaute immer weiter ab. Mit einem Zwischenstop ging es dann über die Kanäle über Groningen 'rüber zum Ijsselmeer und nach Staveren. Eine neben dem Fahrwasser sinkende Jolle, von der nur noch die Mastspitze aus dem Wasser ragte, zeigte noch einmal, was hätte passieren können. Die Yacht hinter uns kam den beiden Wassersportlern zur Hilfe.

Auf den Kanälen... So kassiert der Brückenwärter das Entgeld.
Auf den Kanälen...
So kassiert der Brückenwärter
das Entgeld.

In Staveren kam das Schiff an den Kran, und das ganze Ausmaß des Schadens wurde sichtbar. Die Ruderwelle war nach achtern weggeknickt, die Lager ausgebrochen. So endete damals mein zweites Segelabendeuer.

Das Schiff am Haken. Das untere Lager.
Das Schiff am Haken.
Das untere Lager.
Die Ruderwelle hat's hinter sich.
Die Ruderwelle hat's hinter sich.
Das Ruder ist ausgebaut.

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Hanno Niesler, Feb. 2005