Museen in den USA:
Ein Besuch auf dem kanadischen Schooner BLUENOSE II

Hermann Schulte auf'm Erley

Manchmal hat man eben Glück! Ich war mit Freunden auf der Fähre von Orient Point (Long Island) nach New London, Conneticut, um mir dann in Newport, Rode Island, eine Wooden Boat Ausstellung anzusehen. Und was sehe ich da von der Fähre aus? Ungefähr 6 Windjammer und ein paar kleinere Segler an der gegenüberliegenden Mole. Also nichts wie hin! Aber so schnell ging es dann doch nicht, Parkplatz suchen, Tickets kaufen und Sicherheitskontrolle. Moment einmal, Sicherheitskontrollen?? Bin doch nicht auf dem Flughafen! Es stellte sich heraus, dass die Windjammer von Marinen verschiedenen Staaten waren und damit ein mögliches terroristisches Ziel darstellten. Also Personenkontrolle mit allem drum und dran.

Und dann sah ich SIE, die BLUENOSE II. Ich habe schon viel über diesen Schoner gelesen, aber bis jetzt noch nie Gelegenheit gehabt, ihn zu besichtigen.

Für alle diejenigen, die die Story der BLUENOSE II nocht nicht kennen, hier ein kurzer Abriss der Geschichte. Alle anderen können sich an den Bildern erfreuen.

Im Jahre 1920 erschuf die Halifax Herald Zeitung "The Halifax Herald North Atlantic Fishermen's International Trophy". Zu dieser Zeit lieferten sich die kanadischen und amerikanischen Fishing Schooner schon immer Wettrennen, nicht nur zum Vergnügen, sondern auch, um die höchsten Marktpreise für den Fisch zu erziehlen. Denn, wer als erster im Hafen war bekam auch den höchsten Preis für den angelandeten Fisch. Das Grundprinzip der Nachfrage und des Angebotes.
Auch muss man sich das Jahr vor Augen halten. 1920 forderte die britische Yacht SHAMROCK IV die amerikanische Yacht RESOLUTE heraus. Der America Cup (auch bekannt unter dem Namen "100 Guinea Cup", den der Schoner AMERICA in einem Rennen um die Isle of White, 1851 gewann) verblieb in den Staaten. Es sollten noch 63 Jahre vergehen, bis die australische Yacht AUSTRALIA II 1983 den America Cup nach Australien holte.

Segelrennen waren also 1920 durchaus populär.
In diesem Jahr lieferten sich die Schoner ESPERANTO aus Gloucester (USA) und DELAWANA aus Lunenburg (Kanada) das entscheidene Rennen. Der Pokal ging an Käptain Marty Welch und seine Crew. Die Gloucester-Männer gewannen mit 5 Std. 59min. und 56sec. vor DELAWANA mit 6 Std. 18 min. und 48 sec.Auch konnten sie sich über einen $4000.00 Cash Prize freuen, zur damaligen Zeit ein kleines Vermögen.
Die geschlagenden Kanadier beauftragten den Schiffsbauingeneur William J. Roué, einen Schoner zu entwerfen, der den Pokal zurückgewinnen konnte. Als Ergebnis wurde die BLUENOSE am 26. März 1921 als 121. Schoner der Smith & Rhuland Werft vom Stapel gelassen.

Die Besatzung bestand aus ungefähr 20 Mann, zwei pro Dory (8 Dorys wurden mitgeführt), ein Throater (Mann, der die Fische kehlt), ein Koch und natürlich dem Kapitän. Bei den Rennen bestand die Crew aus 28 bis 30 Mann. Wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit etwa 50 Schoner in Lunenburg und Umgebung lagen, fiel es nicht schwer, gute Leute für ein Rennen zu finden.

Im Oktober 1921, nachdem die Fischereisaison auf den Grand Banks beendet war, fand die Revance statt.
BLUENOSE schlug den Gloucester Schoner ELSIE und brachte den Pokal wieder nach Hause. Sie überfuhr die Ziellinie nach 13 Std. 32 min. und 10 sec. Gegeüber ELSIE mit 13 Std. 45 min. und 25sec. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 10.8 kn.

Unglaubliche 18 Jahre wurde die BLUENOSE nicht geschlagen. Sicherlich großen Anteil an dieser Leistung hatte ihr Captain Angus Walters, der wie kein anderer den Schoner beherrschte. Unter den Herausforderen waren HENRY FORD, COLUMBIA, GERTRUDE L., THEBAUD und auch viele kanadische Schoner. Die letzten Schoner-Rennen fanden 1938 statt. Der II Weltkrieg beendete dann die Ära der Grand Bank Fishing Schooner.
1942 wurde die BLUENOSE als Frachter in die West Indies verkauft. Vergeblich versuchten Kapitän Walters und andere den Schoner in Lunenburg zu behalten. Am 28 Januar 1946 lief die stolze BLUENOSE auf ein Riff vor Haiti und sank.

Am 24. Juli 1963 lief die BLUENOSE II, in Erinnerung an die berühmte BLUENOSE, von der gleichen Werft vom Stapel.
BLUENOSE II ist im Schiffsrumpfdesign, Segelplan und Rigg identisch mit der BLUENOSE. Die Hauptunterschiede liegen in den zwei Caterpillar Marine Diesel-Motoren mit je 250PS, den Sicherheitseinrichtungen und den moderneren Navigationsgeräten.

1971 wurde die BLUENOSE II von der Oland Familie für $ 1.00 an die Nova Scotia Behörden verkauft. Ihr Liegeplatz heute ist Lunenburg, Nova Scotia, Kanada. Heute segelt sie in den Wassern von Nova Scotia für Touristen oder besucht Segelereignisse an der Ost-Küste.
Und für die, die sich über die Namensgebung wundern, Blaue Nase, sei gesagt, es gibt mehrere Versionen. Eine besagt, daß Crews, die Kartoffeln mit bläulicher Haut von Nova Scotia zu den Bostoner Märkten gebracht haben, Blaunasen genannt wurden. Eine andere Version besagt, daß die Besatzungen die blauen Nasen von ihren handgemachten, blau gefärbten Fäustlingen bekommen haben, als sie sich die Nase gerieben haben auf dem kalten Nord-Atlantik. Der geneigte Leser mag sich ein eigenes Urteil bilden.

Die BLUENOSE II auf einem Blick:

Länge über alles: 55.24 m
Länge Wasserlinie: 44 m
Breite über alles: 8 m
Tiefgang: 5 m
Verdrängung: 258 t
Länge Bugspriet: 5.40 m
Höhe Fockmast (vom Deck): 36 m
Höhe Haupmast (vom Deck): 38 m
Länge Schonersegelbaum: 9.80m
Länge Grossbaum: 25 m
Segelfläche: 1036 qm
Geschwindigkeit (Segel): 16 kn
Geschwindigkeit (Motor): 8 kn

Baumaterialien:

Masten, Deck, Bäume: Douglas-Tanne
Deckhäuser, Skylights, Luken: Mahagoni
Rumpf: Rote Eiche, Fichte, Kiefer
Besatzung: 5 Offiziere, 12 Mannschaften, 1 Koch

Quellen:

www.bluenose2.ns.ca

Bluenose II Saga of the Great Fishing Schooners
(hervorragendes Buch für Modellbauer mit hunderten von Skizzen)
Lathan B. Jenson, 1994
ISBN 1-55109-063-5

Race to Fame, the inside story of the Bluenose
Claude Darrach, 1995
ISBN 0-88999-280-0

Thomas F. McManus and the American Fishing Schooners
W.M.P. Dunne, 1994
ISBN 0-913372-69-2

The American Fishing Schooners 1825-1935
Howard I. Chapelle, 1994
ISBN 0-393-03755-X

...mehr Detailfotos (ca. 1,2 MB)

Hermann Schulte auf'm Erley, März 2005