High Speed Crew Boats

Hermann Schulte auf'm Erley

Baubericht "AMERICAN EXPRESS" ex "AMERICAN ENTERPRISE" von Dumas Boats

Vorbild/er

Dieser Bootstyp wird zur Versorgung von Bohrinseln eingesetzt, u.a. im Golf von Mexico und im Atlantik vor Afrika. Der offizielle Name, "High Speed Crew-Supply Boats" bezieht sich auch auf die Hauptaufgabe dieser Boote, nämlich Crews und eilige Ladungen auf die Bohrinseln zu bringen. Die Idee war, den schnellen und kostspieligen Hubschrauber, sowie den langsamen Versorger (Supply Vessel) durch ein schnelles Boot zu ersetzen, was zugleich die Crew transportiert, aber auch Güter zu den Bohrinseln bringen kann und das zu einem günstigeren Preis. Zur Zeit (Stand Feb 2001) liegt der Preis bei US $ 3450 gegenüber einem Versorger bei US $ 3000 (bis 200 ft.) und einem Vielfachen bei Hubschraubern, die Preise verstehen sich natürlich pro Tag! Inwieweit sich diese Idee "gerechnet" hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Fest steht aber, daß alle drei Einheiten eingesetzt werden.

Ein durchschnittliches Boot hat heutzutage folgende Daten:

Länge x Breite: 160 x 30 ft. (49 x 9 m)
Arbeitsdeck: 84 x 24 ft. (26 x 7 m)
Decksladung: 190 long tons (187 to.)
Antrieb: 5 (!!) Diesel mit je 1350 PS,

...die über Getriebe auf fünf 4-Blatt-Propeller 46 x 42 in. wirken.

Geschwindigkeit: 27 kn
Passagierkapazität: 52
Crew 4

Ferner besteht noch die Möglichkeit, verschiedene Flüssigkeiten mitzunehmen.

Originalfotos der PRICE TIDE, eines anderen Schiffes dises Typs.

Doch zurück zur AMERICAN ENTERPRISE, das Orginal wurde 1976 von Halter Marine, New Orleans, USA, als erstes Crew-Boat mit Wasser-Jets gebaut. Das 105 ft. lange Boot wurde mit zwei Detroit-Dieseln 16V71T und einer Allison Gasturbine mit 4200 PS angetrieben. Die Diesel trieben zwei Rocketdyne 16 in. Jets und die Turbine einen 24 in. Jet als Booster an. Die Höchstgeschwindigkeit lag laut Werftangaben bei beachtlichen 42 kn.
Leider konnte ich über das Orginal nicht viel mehr in Erfahrung bringen, denn weder die Werft, noch Dumas haben meinen Wissensdurst stillen konnen, oder wollten es nicht. Angeblich soll das Boot jetzt als "fishing boat" (mit 3 Dieseln) mit dem Namen ENCINADA EXPRESS an der Westkuste operieren.

Baukasteninhalt:

Um es vorweg zu nehmen, der Baukasten ist nicht für Anfänger geeignet. Da fragt sich der geneigte Leser natürlich, warum dann der Autor den Baukasten gekauft hat, aber Spass beiseite, Kit auf den Tisch!

Beim Öffnen des Kartons stellt man erstmal fest, daß man für sein Geld "'n Haufen Holz" bekommen hat. Leider entsprach die Holzqualität bei weitem nicht der Qualität, die man in Europa gewohnt ist. Auch mußte ich feststellen, daß Holzwurm-Fraßgänge im Holz zu finden waren. Auf Rückfrage beim Hersteller, ob das der Grund für den Sonderangebots-Preis wäre, verneinte man und wies darauf hin, daß das durchaus schon mal möglich sei im Sperrholz. Don't worry, be happy!

Aber fairerweise muß ich auch sagen, daß man mir einen kostenlosen Austausch angeboten hat. Da der Hozwurmbefall "nur" in dem Holz für die Spannten / Beplankung war und ich sowieso einen GFK Rumpf bauen wollte, verzichtete ich auf die Umtauschaktion. Die Fittings, die bei mir aus einer Zinkgusslegierung bestanden, kann man getrost vergessen, da gibt's auf dem Markt schon bessere Sachen, oder man fertigt sie gleich selbst in ALuminium oder Messing an. Doch dazu später mehr.

Über die "abgesägten Besenstiel-Stücke" brauche ich mich eigentlich auch nicht mehr auszulassen, das tat schon Werner Fischer (SchiffsPropeller 5/94) in seinem Artikel. Allerdings, Besitzer mit einer Drechselbank könnten daraus tatsächlich die Rettungsinseln drechseln, oder man macht aus ihnen Verlängerungen für das Schlauchboot.

Besenstiele...

Ansonsten findet man noch ein paar Messingdrähte und ein paar Rundholzstäbe und natürlich den Bauplan, bei dem man für die Bauteilnummern gut eine Lupe gebrauchen kann. Oder werde ich langsam älter? Bei mir natürlich in Englisch, da ich den Baukasten in den USA gekauft habe. Alle Maßangaben sind nicht metrisch, sonder Imperial, sprich inch.
Für alle, die es mit den Brüchen nicht so haben, hier eine kleine Tabelle fur die in der Bauanleitung vorkommenden Maße:

1/16" = 1,59 mm 1/8" = 3,18 mm 3/8" = 9,53 mm
3/32" = 2,38 mm 3/16" = 4,76 mm 1" = 25,40 mm
7/64" = 2,78 mm 1/4" = 6,35 mm

Rumpfbau

Der Rumpf wurde nach klassischer Baumethode über Kopf auf einer Helling gebaut. Man sollte die Helling jedoch relativ stabil ausführen, da man einiges zu schleifen hat. Die Beplankung ist recht schnell durchgeführt, weil man keine Leisten hat, sondern entsprechende Sperrholzbrettchen. Bei der Beplankung im Bugbereich ist es anzuraten, die Hölzer vorher in heißem Wasser einzuweichen und dann über Nacht am Rumpf trocknen zu lassen, um die Spannungen im Holz zu minimieren. Die Spray-Rails werden erst zum Schluß an den GFK-Rumpf geklebt.
Wenn alles soweit fertig ist, kommt man um das Spachteln und Schleifen nicht herum, aber auch das ist irgendwann geschafft. Dann wird der Rumpf in schwarz gespitzt (schwarz deshalb, weil man dann Unebenheiten besser sehen kann) und anschliessend noch einmal verschliffen. Dann folgt das Abformen und man erhält die Negativ-Schale für den späteren GFK-Rumpf. Wenn nun alles gut durchgetroknet ist, kann man sich an das Laminieren machen. Ich habe meinen Rumpf größtenteils mit Kohlefaser/Arimid-Matten laminiert, weil ich dieses Material noch hatte und weil der Rumpf natürlich dadurch sehr leicht wird.

Form 1 Form 2 Form 3 Form 4 Form 5 Form 6 Form 7 Form 8 Form 9

Kabine und Brücke

Die Aufbauten wurden nach Bauplan gefertigt, allerdings habe ich folgende Bauteile gegen dünneres Flugzeug-Sperrholz ausgetauscht:

Bauteil Nr. :28, 29 und 49 von 2,7mm auf 0,8mm, 39, 40, 43, 44, 45, 54 und 55 von 2,7mm auf 1,3mm

Einerseits wurde dadurch Gewicht eingespart, anderseits läßt sich natürlich dünnes Sperrholz wesentlich besser biegen. Ferner wurden alle senkrechten Holzteile und der Boden der Kabine mit Bohrungen versehen, bzw. es wurden Ausparungen eingearbeitet. Damit wurde das Gewicht des Aufbaues nahezu halbiert! Beim Bau der Brücke sollte man Verstärkungen zwischen den Bauteilen 46 und 47 einkleben (siehe Bild), so wird das Ganze stabiler und man kann die konkave Form des Bauteils 49 besser fixieren, ohne daß gleich alles zusammenbricht. Auch wurden Balsaholz-Verstärkungen eingeklebt, um die gewölbte Form besser zu gewährleisten. Bei mir wurden noch Handläufe und Verstärkungen in den Brücken-Nocks realisiert. Alles andere nach Bauvorschrift.

Aufbau 1 Aufbau 2 Aufbau 3

Deckaufbau

Das Deck wurde so konzipiert, dass man es komplett abnehmen kann (Äquatortrennung). Es ist wie eine Tragfläche konzipiert: Zwei dünne Sperrholzbretter mit innenliegenden Balsarippen (Deckswolbung). Um es entsprechend steif zu machen sind mehrfach verleimte Kiefernleisten von unten angeklebt worden. So hat man dann ein sehr leichtes und sehr stabiles Deck.
Im Arbeitsbereich wurde das Deck mit Kirschbaum-Leisten, ca. 6 x 1,5mm, belegt und mit Messingprofilen eingefaßt. Der Rest ist mit Riffelblech (Kunstoff) beklebt worden.

Form fertig Arbeitsdeck 1 Arbeitsdeck 2

Schanzkleid

Wie man auf den Bildern erkennt, ist es noch nicht fertig. Zugegebener Weise ist für mich das Schanzkleid eine Sache, die ich gerne weit hinausschiebe. Aber irgendwann muß man doch halt 'ran...
Als erstes wurden Papp-Schablonen angefertigt, die dann auf entsprechendes 0,5mm Flugzeugsperrholz übertragen wurden. Die Schanzkleitstützen sind aus Kunststoff gefertigt. Im hinteren Bereich sind zwei Sektionen in der s.g. Rescue Zone herausnehmbar. Allerdings habe ich noch keine konkrete Idee, wie ich das Schanzkleid dauerhaft mit dem Deck verklebe, so daß es auch mal einen kräftigeren Stoß vertragen kann. Vielleicht verstifte ich es, mal sehenů

Zubehörteile

Alle Zubehörteile sind aus Messing oder aus Alu gefertigt. Als Fertigteile wurden nur Lampen, Radar, Rettungsringe, das Schlauchboot und der Kran gekauft, die alle entsprechend modifiziert wurden. (Was heißt hier nur? Aber warum sollte man sie selbst fertigen, wenn sie gerade so gut passen? Und zudem noch leichter sind als Alu oder Messing.) Allerings hatte ich mit den Scheinwerfern von Robbe so meine Schwierigkeiten. Leider waren die Halterungen für den eigendlichen Scheinwerfer nicht symmetrisch. Oder sollte der Autor etwa schielen?! Nach Rückfrage beim Händler und bei Robbe war man nicht bereit, diese umzutauschen. Schade! Ich hatte ein wenig mehr Kundenservice erwartet. Letztendlich habe ich doch noch welche hier in den USA bekommen, die nicht verunstaltet waren. Ärgerlich, denn die Scheinwerfer sind ja nun nicht gerade billig.
Anmerken möchte der Verfasser noch, dass alle größeren Flansche (z.B. bei den Lüftern) mit entsprechenden M6 - Sechskantschrauben versehen sind.

Kran, Beiboot 1 Heckansicht Kran, Beiboot 2

Da es sich hier um ein "Fantasie"-Umbau handelt (ein entsprechendes Orginal gibt es meines Wissens nicht), kann man sich auch entsprechend austoben. So habe ich mich fur ein Standby-Boot entschieden, nach dem dänischen ESTVAGT Vorbild. In Anlehnung daran ist auch das Fast Rescue Boat entstanden.

Das Schlauchboot wurde lt. Vorbild dann entsprechen verlängert und mit zwei 36 PS Yanmar Außenbord-Diesel ausgerüstet. Auch wurde der komplette "Innenausbau" entsprechend abgeändert. In diesem Zusammenhang möchte ich nicht unerwähnt lassen, was andere Firmen unter Kundenservice verstehen. Ich hatte bei The Model Slipway in England angefragt, ob es möglich wäre, einen zweiten Außenborder käuflich zu erwerben, und prompt hat man mir kostenlos einen zugeschickt. Hierfür nochmals herzlichen Dank!
Alle V2A-Teile sind aus Messing gefertigt, die dann entsprechend galvanisiert wurden. Die schwarzen Gummistreifen sind tatsächlich aus Gummi! Man kann s.g. Tauchgummi kaufen in dem normalerweise Griffe von Werkzeugen getaucht und somit beschichtet werden. Dieser Gummi läßt sich auch mit etwas Geduld mit dem Pinsel verstreichen, das ergibt dann den gewünschten Effekt. Das Netz am Bug stammt aus der Schlachterei (ich sage nur Rollbraten!) und wurde grün eingefärbt.

Alle Beschriftungen sind Abziehbilder, die im Computer entstanden sind und dann ausgedruckt wurden, mit Ausnahme des Schiffsnamens / Heimathafen, die aus Kunststoffbuchstaben bestehen.

Arbeitsdeck 3

Antrieb

Antriebe 1 Antriebe 2 Antriebe 3

Das Boot wird durch zwei 28er Kehrer Jets mit jeweils einem Keller-Motor und einem 33er Kehrer Jet als Booster, mit einem Marx GT500 angetrieben. In Planung ist noch ein absenkbarer Schottelantrieb im Bugbereich, wie man ihn auch bei 200 ft. langen Crew-Booten findet.

Antriebe 4 Antriebe 5 Antriebe 6

Alterung

Bei diesem Modell habe ich versucht ein Arbeitsboot darzustellen, d.h. mit all seinen Dellen und Rostspuren. Hier in den USA wird ein s.g. Alterungs-Kit angeboten, mit dem man Holz altern kann sowie Rostspuren und abgewetzte Farbe imitieren kann.

Detailfotos

Leiter Ausrüstungsteile Flasche Poller Fast Rescue Boat 2 Rettungsinsel Deckshaus Fast Rescue Boat 1

Abschlussbemerkung

Wie der Leser auf den Fotos sieht, ist natürlich noch längst nicht alles fertig (z.B. Bruckenausbau, Lackierung usw.) und ich werde sicherlich noch einige Stunden mit der Komplettierung verbringen. Mit diesem Bericht sollte eigentlich auch nur aufgezeigt werden, daß man mit etwas Fantasie und Ausdauer auch aus einem Baukastenmodell ein nicht alltägliches Schiffsmodell erstellen kann.

Hermann Schulte auf'm Erley, März 2005