Stippvisite auf MITTELPLATE-A

Sommer 2002

Jörg Strozynski

Ich plante einen Termin für Cuxhaven oder Brunsbüttel um Detail-Fotos von der T.O. Wulf 10 machen zu können. Ich rief den Capt. an, um zu erfragen wann es denn günstig wäre. Zu erst bekam ich einen kleinen Dämpfer: "Diese Woche hab ich noch Urlaub und dann hab ich erst mal Nachtschicht..." tönte es mir entgegen. Naja, versuchst Du später noch mal dachte ich mir. In der darauf folgenden Woche klingelte das Telefon. Reederei Wulf. Das Schiff würde übermorgen gedockt. Ich solle doch dann kommen. Das war die Gelegenheit. Ich verbrachte mehr oder weniger den ganzen nächsten Arbeitstag damit, zu erfahren wann genau das Schiff gedockt würde. Jedoch ohne allzu großen Erfolg. Irgendwann gelang es mir, ich bekam den Capt. ans Telefon und fragte ihn aus. Das Schiff ginge übermorgen früh, wenn nichts dazwischen käme, um 3.00 Uhr bei Mützelfeld ins Dock, ob ich das schaffen würde.
Ein Dutzend Fragen jagte mir durch den Kopf: "Bekomme ich frei, ist es um drei Uhr schon hell, wie wird das Wetter sein usw..." Um es kurz zu machen: Ich habe frei bekommen, war aber erst um 8.00 Uhr vor Ort. Ich schulterte meine Fotoutensilien und enterte das Werftgelände.

Mützelfeld-Dock T.O. WULF 10 im Dock

Nachdem ich das Schiff in allen Einzelheiten abfotografiert hatte, trafen wir uns zu einem Kaffee in der Messe. Bei allerhand Palaver fiel nebenbei die Frage, ob ich den jetzt schon auf der Bohrinsel gewesen sei.
Bohrinsel? Nein, wie denn! Es hat bis jetzt einfach nicht gepaßt.
"Dann fährst Du eben heute!"
"Heute?? Und wie? Ihr steht im Dock!"
"Du fährst mit dem Crewboat 'rüber. Hab ich grad schon klar gemacht. Wenn Du willst, dann mußt Du jetzt los."

MITTELPLATE-A

Sowas läßt man sich nicht zweimal sagen. Wir verließen das Dock und gingen zum Crewboat, welches im selben Hafenbecken liegt wie die Mützelfeld Werft. In der Brücke richtete ich mich häuslich ein und informierte mich beim Capt. über das weitere Geschehen.

SARA MAATJE IV

Name SARA MAATJE IV
Maße 20,18 x 5,28 m
Leistung 2 x 600 PS
Geschwindigkeit ca. 22 Kn
Antrieb 2 Propeller
Reeder Van Stee
Kapazität 29 Personen

Die Fahrt "begann" mit dem Abfragen der Wassertiefe. Da MITTELPLATE-A im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer liegt, kann sie nur bei Flut angelaufen werden. Somit sind Ver- und Entsorgungsfahrten nur an wenigen Stunden pro Tag möglich. Deswegen muß bei auf- oder ablaufenden Wasser im regelmäßigen Abstand die Wassertiefe an der Bohrinsel abgefragt werden. Die letzte Abfrage ergab, das noch ca. 10 cm Wassertiefe fehlen um ohne Grundberührung dort eintreffen zu können. Der Capt. entschied loszuwerfen: "Wenn wir in ca. 45 Minuten da sind, wird wohl auch das Wasser da sein."

Arbeitsplattform IB 909

Nach Verlassen des Hafenbeckens zeigt das etwas unscheinbare Boot, zu was es fähig ist. Der Capt. legte die Hebel auf den Tisch, kreuzte das Fahrwasser und wir stießen mit ca. 18Kn durch die Hecksee eines abgehenden Feeders. Mein pneumatisch gefederter Sitz federte einmal durch und ließ mich erahnen, wie es sich wohl anfühlt, wenn man bei schlechtem Wetter rausfährt. Als wir den Feeder passiert hatten erzählte mir der Capt. mit einem gewissen Stolz, das man mit diesem Boot hervorragend Wasserski laufen könne. Meinen wohl etwas ungläubigen Blick quittierte man mir stehenden Fußes mit Beweisfotos. Was sollte ich da noch sagen? Wer fährt schon auf Skiern über die Ostsee zur Arbeit? - Sehr standesgemäß!

SARA MAATJE V (aufkommend) SARA MAATJE X (wartend)

Auf etwa halber Strecke überholten wir den Versorger SARA MAATJE V, beladen mit Material für MITTELPLATE-A. Nach etwa 40 Minuten Fahrzeit näherten wir uns der Bohrinsel. In etwas tieferem Wasser vor MITTELPLATE-A lag der Versorger SARA MAATJE X, wartend auf einen ausreichenden Pegelstand, um die Bohrinsel anlaufen zu können. Wir steuerten langsam auf die an der Seite gelegene Einfahrt zu. Die U-Form der Insel, sowie die Einfahrt zum integrierten Hafenbecken, wurden bewußt so angelegt, das das Tor zur Einfahrt auf der wind- und wellenabgewandten Seite liegt. Da dies bei Schutz vor Wind und Wellen, im Winter einen eisfreien Zugang zum Hafenbecken ermöglicht. Das erste was ins Auge sticht, ist das Hubtor. Da das Öl, welches auf MITTELPLATE-A gefördert wird, nicht per Pipeline abtransportiert wird sondern per Schiff, wird nach der Passage des Schubverbandes das Hubtor geschlossen. Erst nach dem das Tor geschlossen ist, wird mit der Verladung des Öls auf speziell angefertigte Transportleichter begonnen. Diese Methode bietet größt mögliche Sicherheit bei der Verladung. Sollte bei einem Unfall Öl austreten, wird nur das Wasser im Hafenbecken verschmutzt und das Tor erst nach der restlosen Beseitigung des Öls geöffnet. Diese Konstruktion ist weltweit einzigartig und garantiert, das daß Wattenmeer nicht mit Öl kontaminiert wird. Desweiteren können bei geschlossenem Tor zwei Versorger oder ein Schubverband bei Niedrigwasser in der Bohrinsel verbleiben.

Um den Besatzungswechsel durchzuführen fährt das Crewboat nicht in den Hafen, sondern wendet vor dem Hubtor, um dann backbordseitig das Personal an einer Treppe abzusetzen bzw. aufzunehmen. Das Crewboat wird dann von einem achterlich gelegenen Fahrstand manövriert.

Besatzungswechsel Einfahrt MITTELPLATE-A

Durch das geöffnete Tor kann man den Versorger SARA MAATJE VII sehen. Auf der rechten Seite oberhalb des Hafenbeckens ist die Verladestation zu erkennen.

Verladestation

Bis Ende Oktober 2004 wurden rund 13,7 Millionen Tonnen Öl auf MITTELPLATE-A gefördert. Das Öl wird auf speziell entwickelten Leichtern ohne eigenen Antrieb befördert. Die Leichter sind vermessen mit einer Länge von 45 Metern, bei einer Breite von 18 Metern. Der Tiefgang beträgt bei voller Beladung nicht mehr als 2 Meter. Die Leichter sind doppelwandig ausgeführt. Der Abstand zwischen der äußeren und der inneren Stahlhülle beträgt 80 cm. Desweiteren sind die Leichter kentersicher und eisfest. Die Leichter sind wegen der besonderen Brisanz des Transportes im Wattenmeer so gebaut, das sie nicht durchhängen, Grundberührungen vertragen und sogar voll beladen querliegend auf einem Priel bei ablaufendem Wasser keinen Schaden nehmen würden. Im Normalfall werden pro Fahrt etwa 6000cbm Öl abtransportiert. Möglich wären sogar 7500cbm, die 250cbm Differenz pro Tank dienen der Sicherheit. Sollte es zu einer Beschädigung eines Tanks kommen, so kann der Inhalt des beschädigten Tanks mit bordeigenen Pumpen auf die restlichen Tanks verteilt werden.

Rettungsboot

Nachdem die Besatzung ausgetauscht war wurde die Einfahrt zum Hafenbecken schnellst möglich freigegeben um den Ver- und Entsorgungsverkehr nicht zu behindern.

Rückfahrt SARA MAATJE VII, Cuxhaven anlaufend
T.O. WULF 10

Der Schubschlepper T. O. WULF 10 mit Leichter bei der Einfahrt in den Hafen von MITTELPLATE-A.

SARA MAATJE IIX SARA MAATJE IIX

Sara Maatje XII
Der Schlepper hat den DEA Ölhafen in Brunsbüttel verlassen und befindet sich in Leerfahrt nach MITTELPLATE-A.

Da ich wenige Stunden zuvor von meinem Glück noch nichts ahnte, war es mir nicht möglich die Bohrinsel auch noch zu besichtigen. Somit ist es also bei einer Stippvisite geblieben. Aber mein aufrichtigster Dank geht an den Capt. von T.O. WULF 10, sowie der Besatzung von SARA MAATJE IV.

Nachtrag:

Ein Detail ist mir bei den ganzen Eindrücken in bester Erinnerung geblieben:

Staubsaugerdüse

Bei allen Hightech-Entwicklungen war das eine wahrlich "irdische" Impression.

Jörg Strozynski, Dezember 2004