St. Petersburg

Peter Frieß

Nachdem das nun mein zweiter Besuch in St. Petersburg war, möchte ich mal keine technische Abhandlung verfassen, sondern zunächst Emotionen wecken, Bilder zeigen, News einstellen, und dann doch mal den Reiseführer spielen. Diese Stadt ist aus maritimer und aus Eisbrecherfan-Sicht ein lohnendes, günstiges Reisziel, jedoch gibt es unnötig viele Vorurteile, und es bestehen und werden unbegründete Ängste aufrecht erhalten. Ob es nur die Namensverwandtschaft ist, die mich so mit dieser Metropole verbindet? Finden Sie es am besten selbst heraus...

Eisbrecher im Schneesturm

Die Ankunft fiel auf den 23. Oktober 2005, das Wetter war absolut identisch mit dem hiesigen, lauer Herbst mit beginnenden Schauern, wechselhaft bei 10 -12 C. Nach zwei Tagen schlug das Wetter um in -5C, starker Wind und Schneefall. In nur wenigen Stunden sammelte sich eine Schneedecke von zirka 7 Zentimetern an.

Schneesturm
Schneesturm

Durch diesen für Bad Homburger Verhältnisse soliden Schneesturm kämpfte ich mich gut 3 Kilometer vorwärts von der Metrostation Vasileostrovskaja zum Newaufer und dann weiter flußabwärts zum Liegeplatz des Eisbrechers KRASSIN. Ob er da lag oder nicht, war nicht auszumachen, da das dichte Schneetreiben kein Sicht zuließ. Mein Ziel lag wie im Nebel. Ein weiteres Naturphänomän, das sich mich den weiteren Tag verfolgte war die Tatsache, dass trotz mancher Richtungswechsel der Schnee immer von vorne zu kommen schien und wie hundert Nadeln in das Gesicht stach.

Der Autor...

Das Laufen war sehr anstrengend, da die Schuhe trotz tiefen Profils auf dem Schnee bei jedem Schritt nach hinten wegrutschten. So erreichte ich dann bei stetiger Annäherung an "Naberezhnaha Leytenanta Shmidta" (Uferstraße Leutnant Schmidt) dem Liegeplatz des KRASSIN, endlich einen Abstand, der den Urvater heutiger Eisbrecher schemenhaft im Grau erahnen ließ. Die Antwort auf die Frage, ob der Urenkel, 50 LET POBEDY, noch immer hinter Opa lag, war nicht zu ergründen. Nach vielen rutschenden Schritten und weiteren Nadelstichen wurde KRASSIN immer deutlicher und die mächtige Silhouette von 50 LET... machte auf sich aufmerksam. Sogar einige Scheinwerfer durchdrangen das Grau.

50 LET POBEDY
Atomeisbrecher im Schneesturm

Bisher war es mir noch nicht vergönnt, einem Eisbrecher im Nordmeer zu begenen. Jetzt war es soweit. Beim Blick durch den Kamerasucher entschwand die Umgebung, und nur das milchige Grau aus Schnee und Unendlichkeit füllte das Sucherbild. Daraus hervor bricht KRASSIN, dicht gefolgt von 50 LET... Mich überkam ein Schauer der Ergriffenheit. So etwas hatte ich zuletzt erlebt, als ich an Deck des KAPITÄN MEYER stand, und das Dampf-Typhon mit seinem tiefen Baß durch Mark und Bein ging.

KRASSIN im Schneesturm
KRASSIN

So muss es dem Überlebenden der Nobile-Expedition ergangen sein, als KRASSIN sich dem roten Zelt näherte, aus der grauen Unendlichkeit des Eises heraus, die Rettung, die Erlösung!

Zm Glück haben die beiden Brände seit letztem Jahr den 50 LET... nicht zerstört, wohl aber die Fertigstellung deutlich verzögert.

Neues vom KRASSIN

Noch im November 2004 war der alte Eisbrecher ein Lebensraum für einige Besatzungsmitglieder, inklusive Kapitän, die Räume sahen aus, als ob noch immer alles im Tagesbetrieb ist, sogar im Bauch an den Werkbänken wurde gearbeitet und so manches Ersatzteil aus "Nichts" gemacht. Dieses Bild vor Augen trat ich ein und bat in russisch, den Chief zu sprechen. Sofort brachte man mich in die Kammer, in der ich letztes Jahr noch dem Kapitän die Hand schüttelte und mit dem Chief fachsimpelte. War ich doch gekommen, um Informationen zu übergeben, an die der Chief nicht 'ran kommen konnte in "Gjirmaija".
Zu meiner Verwunderung kam eine Frau auf mich zu und stellte sich in Englisch als Ludmilla Pertova Fadeeva vor, die neue Direktorin des Museumseisbrechers. Sie bat mich, mit ihr auf Julia zu warten, ihre Assistentin, die der englischen Sprache besser mächtig sei als sie. Beide Damen waren zuvor Mitabreiterinnen am Arktischen und Antarktischen Museum in St. Petersburg. Gemeinsam mit Ihrem Chef, Dr. Boyarsky, hatten Sie so manche Touriexpedition auf den Eisbrechern KAPITAN DRANITSYN und YAMAL in die Arktis oder auch zum Nordpol vorbereitet. Kurz um, die beiden Eisbrecherinnen hatten das Schiff, soweit ich Einblick bekam, grundlegend "gekehrt". Das Kapitänszimmer unter der Brücke, vormals Büro und Mehrzweckraum, war aufgeräumt und hatte sein ursprüngliches Flair wieder. Dezent im Hintergrund eine neue, große Virtrine mit diversen Kleinodien. Auf meine penible Beschreibung des vorherigen Zustandes diese Raumes hin sagte Ludmilla, nicht ohne Stolz, dass das ihr Werk sei. Ein weiterer Raum wurde auch "saniert" und mit Vitrinen versehen.

Krassin-Vitrine

Besonders stolz war Julia hingegen auf eine Ausstellung, die eigentlich temporär sein sollte, aber weiterhin gerne besucht wird. Thema: 2. Weltkrieg. Hier gibt es Bilder und Schiffmodelle zu sehen und dies und das. Im Heckbereich, beginnend an der Schleppwinde und Backbord durch Glaswände geschützt, hängen große Tafeln, die die Rettung der Überlebenden von Nobilés Luftschiffexpedition zum Nordopl zeigen.

Nobile

Da ich zu einigen Exponaten noch Hintergründe ergänzen konnte, die den Ladies bis dato unbekannt waren, wuchs mein Ansehen als Eisbrecherexperte. Das gipfelte in der Frage nach Verbesserungspotential und einem Auftrag zur Informationsbeschaffung.
Soweit die Füße tragen...und wenn es nur bis zum Marinemuseum ist...
...erste Worte waren der Titel einer Serie über die Flucht eines Kriegefangenen aus sibirischer Kriegsgefangenschaft zurück nach Hause. Ähnlich fühlte ich mich, als ich den gastlichen Veteranen verlassen musste. Mein Weg führte mich auf gleichem Pfad zurück, am Newaufer entlang, vorbei an der Lt. Schmidft Brücke (Most Leytenenta Shmidta), vorbei an der Dvortsovy Brücke (Most Dvortsovy). Nach vier Kilometern, der Schneesturm kam mir natürlich wieder entgegen, erreichte ich das Central Navy Museum (Voyenne Morskoy Muzeu).

Marinemuseum
Marinemuseum

Von weit her ist es zu erkennen an den beiden roten Säulen am Newaufer, die symbolisch den Ort des ersten Hafens in St. Petersburg markieren. Im Museum wurde ich freudig von einem Bekannten des Vorjahres begrüßt, der hier als Restaurator der vielen Exponate, hauptsächlich Modelle bis zum Maßstab 1/16, arbeitet. Diesmal lernte ich dann noch einen weiteren Mitarbeiter dieses Hauses kennen. Auch hier wollte es der Zufall so, dass ich meinen gerade errungenen Ruf als "Fachmann" ausbauen konnte. Ein Halbspant-Modell eines "Gjijirmanskij Ledokol" (Eisbrecher) von 1871 konnte man nicht identifizieren.

EISBRECHER No.1
Halbmodell des EISBRECHER No. 1

Mein Tipp, dass es sich hier um den Eisbrecher No.1 von C.F. Steinhaus, gebaut auf der Reiherstieg-Wert/Hamburg handelt, war wohl ein Volltreffer!

Märchen

Schon die beiden Eisbrecherladies auf dem KRASSIN haben nur die Achseln gezuckt, als ich nach dem Prospekt / Heftchen / Booklet über den Krassin fragte, dass laut Internet auf dem Kreuzer AURORA zu erwerben sei. Die gleiche Oberkörpermotorik auf meine Frage war bei den Marinesoldaten zu beobachten, die gerade den Neuschnee von der martitmen Schlachtroß und Auslöser der Oktoberrevolution schaufelten.

AURORA
AURORA

Marinemuseum

Obwohl der Name Zentrales Marinemuseum vermuten läßt, dass sich dort die maritime Historie einer Nation nachvollziehen ließe, ist das nicht der Fall. Die Eisbrechthematik inkl. Nördlicher Seeweg (NSR) bzw. Nordost-Passage ist nicht vertreten. Zwar hängt im Hauptsaal die fast 3m lange Flagge des Eisbrechers SEDOV von der Decke. Ebenso findet man ein englisches Modell ein russischen Eisbrechers, aber...

Museum der Arktis und Antarktis

...aber die Sammlung zum Thema Eisbrecher etc. ist das Arktische und Antarktische Museum (Muzeu Arktiki i Antarktiki) unter der Leitung von Dr. Boyarski. Dothin zu laufen, nach dem vorlaufend beschriebenen Eismarsch, wäre einerseits eine beachtliche Leistung, jedoch absolut sinnlos, da die relativ kurzen Öffnungszeiten der Museen hier (meist 10:00 - 17:00, und das auch nur an bestimmten Tagen) einen solchen Bildungspfad ad absurdum führen würden. Das Museum befindet sich gut sechs Kilometer Luftlinie vom Marinemuseum entfernt. Um dorthin zu gelangen steigt man am besten aus der U-Bahn (Metro) an der Station Ploschad Vosstania (am Moskauer Bahnhof) und geht die 750m zur Ulitza Marata (Marata Straße) zu Fuß.
Neben Expeditonsausrüstungen aller Epochen zu beiden Polen gibt es reichlich Eisbrechermodelle und Schautafeln sowie Artefakte, z.B. Reste der Tscheljuskin-katastrophe.

Ratschläge und Tipps und ein Plädoyer für St. Petersburg

Der Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus ist nur partiell. So sind die Eintrittspreise in die Museen doch relativ westlich. Noch westlicher als westlich jedoch die häufig geforderten Gebühren der Fotografiererlaubis (100 Rubel = ca. 3 EUR; Video 350 Rubel = ca. 10 EUR).

Einen Brückenkopf jedoch hat der Kommunismus noch beim Thema maritime Souvenirs. Auf dem KRASSIN gibt es (noch) nichts, im Marinemuseum nur Kitsch, im Arktischen wiederum nichts. Auf der AURORA gibt es etwas, ich konnte jedoch nicht sehen was.

Entgegen mancher Übertreibungen ist das Fahren mit der Metro nicht von der Beherrschung der Sprache abhängig! Für 10 Rubel (rund 30 Cent) steht ein schnelles und zuverlässiges Transportmittel zur Verfügung. Anhand der Linie und der beiden zu jeder Linie gehörenden Endstationen kann jeder normal intelligente Mensch auf der richtigen Seite des Bahnsteigs in die entsprechende Richtung einsteigen. Im Falle eines Irrtums fährt man einfach an der nächsten Station wieder zurück. Dazu ein kleiner Tipp aus den Anfängen meines Russischunterrichts 1977:

Das russische Wort BUCIIOP heißt zwar Viktor, liest sich in deutsch aber Bukmop. Was hindert Sie daran, die (fiktive) Endstation Bukmop aus dem Metroplan Ihres Reisführers auf der Tafel am Bahnsteig zu suchen und in die entsprechende Bahn einzusteigen? Lesen Sie einfach Deutsch!
Manche Reisführer beschreiben die Metrobenutzung als schwer oder kompliziert, man könne sich nur an den Liniennummern und an den Endstationen orientieren, etc...
Mal ganz ehrlich: anders orientieren wir uns hier doch auch nicht! Also, alles Bukmop?!

Recht hingegen haben die Reisführer in dem Punkt, dass die Stationen beeindruckend sind und dass Taschendiebe hier ein Biotop haben!
Zu den Hauptverkehrszeiten (7:00 -10:00 und 15.30 -18:00) herrscht ein Gedränge, das nur noch mit Tokyo verglichen werden kann. Man kommt sich nahe.

City
Mitten in der City vom Kaufhaus Gostinji Dwor aus gesehen

Von Russen und Engländern

Pauschales abwatschen oder Klischees sind nicht mein Ding. Jedoch fällt auf, dass die Russen sich selten entschuldigen bei Remplern, allerdings auch ihrerseits keine Entschuldigung erwarten. Ein "iswinitsche" (Entschuldigung) wird meist ignoriert, manchmal jedoch verwundert dankbar angenommen. Anders in Great Britain: Da hatte ich ein Schaufenster erkundet beim Laufen, und einen Frontalzusammenstoß mit einem Brtischen Gentleman verursacht. Aufgrund der Massenträgheitsgesetze flog Sir rückwärts durch die Luft und landete in der Maikäferstellung, parterre. Als er wieder vertikale Haltung inne hatte, entschuldigte er sich höflich mit einem "I'm sorry".

Die Sprachbarriere

Auf alle meine Anschläge, Personen und speziell auf die russische Sprache betreffend bekam ich eine Antwort. Die im Touri-Bereich Beschäftigten sprechen oft ein "paar Brocken" Englisch. Auch die Älteren "nur -russisch-Versteher" haben immer geduldig gewartet, bis ich fertig radebrecht hatte und dann geantwortet.

Essen

Verhungern muss man als Touri nicht. In einer Kneipe an der Baltischen Werft, ich glaube es ist die inoffzielle Kantine, gibt es für 16 Rubel (ca. 50 Cent) einen Pott Suppe (so um die 0,5 Liter) mit Brot, für weitere 25 Rubel eine Flasche Holstenpils.
Wer den American Style bevorzugt, trifft Mc Donald um die 10 Mal im Stadtzentrum, Preisniveau ist ca. 50% der dtsch. Preise.
Russische Schnellrestaurants, ich nenne sie mal wegen des Prinzips so, haben 1a Essen, die Preisniveaus liegen auch so um die 50%.
Was man hier so als solides Restaurant bezeichnet, gibt es dort auch, jegliche Kücheneinflüsse, Preisverhältnisse 75 - 100%. Nach oben gibt es keine Grenzen. Je näher ein Hotel, desto Nepp die Preise.

Geldwechsel

Im Hotel zu wechseln ist zwar bequem, aber der Kurs ist fast immer schlecht (aktuelles Beispiel: 32 Rubel für 1 Euro). In der City gibt es garantiert keine 100m von Ihrem Hotel entfernt Wechselstuben oder gar Banken, die 34,5 Rubel zahlen für den Euro. Ein Unterschied von 250 Rubel bei 100 Euros. Das sind am Kiosk in der Metro 10 Tafeln Schokolade, 10 Päckchen Marlboro, bis zu 32 Päckchen russische Zigaretten, oder 2 Liter original Wodka im Supermarkt, oder 2 Baukästen des Atomeisbrechers ARKTIKA 1/400...

ARKTIKA-Modell

Planung und Kosten

Wer nur wenige Tage in St. Persburg zur Verfügung hat, sollte unbedingt vorher im InterNet die "offenen Tage" der Museen und ihre Öffnungszeiten herausfinden, sonst kann es lange Gesichter geben.

Eine Pauschalreise war für vier Tage (2 Tage + 1 Tag Hinflug + 1 Tag Rückflug) für 199 Euro + derzeit 60 Visumsgebühr zu haben. Wer nicht allein reist und die Familie / Frau / Freundin / Geliebte (hoffentlich nicht alle gleichtzeitig) dabei hat, der kann meist ein Ausflugspaket mitbuchen. Eremitage, Stadtrundfahrt, Bernsteinzimmer, Zimmer mit 3 Gänge Mittagessen.Pappa in ne Schneesturm zu et Aisbräscha, Mamma bei die Zarens ihr Wochenendhäusken...

KRASSIN Schiffsglocke
Schiffsglocke KRASSIN

Krassin Brücke
Brücke KRASSIN

Peter Frieß, Dez. 2005