Zwei Kessel unter Dampf

Eine nostalgische Fahrt mit dem Dampftonnenleger KAPITÄN MEYER durch die Nord-und Ostsee

Peter Frieß

Die Dampfschiffparade

Gerne lese ich Bücher, in denen alte Fahrensleute über ihr täglich Brot auf Dampfschiffen berichten. Meine Phantasie ist auch gleich sehr rege am Werk. Bietet es sich dann noch auf irgendeinem See oder Fluß an, eine Dampfpinasse mit Live-Steam zu erleben, bin ich vorne mit dabei. Große Dampfschiffe hatte ich auch schon besichtigt, die lagen aber bisher alle leblos am Kai, ohne Dampf. Als ich Anfang dieses Jahres eine Mitfahrgelegenheit auf der KAPTIÄN MEYER angeboten bekam, habe ich sofort zugesagt. Vom 11. bis 13. Juli fand wieder das Flensburger "Dampf-Rundum" statt, ein einzigartiges Treffen der letzten großen dampfgetriebenen Traditionsschiffe Deutschlands.

KAPITÄN MEYER in Flensburg
KAPITÄN MEYER in Flensburg

KAPITÄN MEYER

Am Morgen des 14. Juli traf ich um 6.00 Uhr im Flensburger Hafen ein. Es lagen alle diese Technikveteranen am Kai, STETTIN, WAL, SCHAARHÖRN, ALEXANDRA, natürlich die KAPTIÄN MEYER und einige andere. Die Feierlichkeiten waren vorüber, man sah es dem Kai noch an. Zeitgleich rückte ein Heer der Stadtreinigung an und reinigte das Kai. Auf den Steamern entwichen den Schornsteinen erste Qualmwolken; es wurde Dampf aufgemacht.

Dampf aufmachen...
Dampf aufmachen...

Um 8:00 Uhr ging ich mit neun weiteren Kojen-Passagieren, gefolgt von rund 50 Tagesgästen an Bord. Die Reise sollte an diesem Tag noch durch die Schleuse Kiel-Holtenau, den NOK, bis nach Brunsbüttel führen. Als gegen 9:30 Uhr das Zeremoniell der Verabschiedung begann, fühlte ich mich für die neun stündige Anreise reichlich belohnt. Das jeweils letzte Schiff am Kai legte mit langsamster Fahrt ab und dampfte langsam an den noch Festgemachten vorbei. Wenn es sich auf gleicher Höhe mit einem "Kollegen" befand, stieß das Typhon drei lange Töne aus, die vom Festlieger ebenso beantwortet wurden, dann folgte beiderseits ein kurzer Dampfstoß. Das lief sooft ab, bis alle Festlieger passiert waren, dann machte ein weiterer Festlieger los und alles wiederholte sich.

Dampfeisbrecher WAL
Dampfeisbrecher WAL

Pier Brunsbüttel
Pier Brunsbüttel

Es ist unbeschreiblich, wie diese Typhonsignale durch Mark und Bein gehen. Der Ton ist viel tiefer und markanter, als der eines 200 Meter langen Ozeanriesen. Den tiefsten Baß haben die STETTIN und die KAPTIÄN MEYER. So etwas kann man nicht mit Worten beschreiben, man muß es erlebt haben!

Auf der Brücke
Auf der Brücke

Maschinentelegraf der KAPITÄN MEYER
Maschinentelegraf der KAPITÄN MEYER

Dampfmaschine der KAPITÄN MEYER
Dampfmaschine der KAPITÄN MEYER

Durch die Ostsee

Mit gut acht Knoten dampfte die KAPTIÄN MEYER als Letzte im Konvoi der Ostsee entgegen, begleitet von allerlei Sportbooten und Ausflugsschiffen. Beim Broager Vig verabschiedete sich jedes Dampfschiff nochmals eindrucksvoll mit drei Dampfstößen des Typhons von der Eskorte. Nach reichlich Hitze von über uns und Millionen von Quallen unter uns erreichten wir gegen 17:35 die Position, an der der Lotse zustieg. Kurz vor der Reede zur Schleuse Kiel-Holtenau hatten wir auch die WAL, die als vorletzte ausgelaufen war, wieder eingeholt.

Der Lotse kommt...
Der Lotse kommt...

Probleme mit und ohne Dampf

Die Hitze, die uns an Deck durch den schönen Sommertag beschert wurde, war nichts, gemessen an dem Luftstrom, der aus den Maschinenraumoberlichtern auf das Bootsdeck drang. Hier wird der Ausflügler mit einer Gänsehaut daran erinnert, daß weiter unten an den Kesseln und Maschinen schon seit vielen Stunden Menschen "im eigenen Saft schmoren". Nicht umsonst nennt man diesen Bereich auf Steamern "Die Hölle". Auf der KAPTIÄN MEYER sind der Kessel- und der Maschinenraum, sowie die Brücke nicht tabu, sondern laden zum Erleben ein! Live-Steam!

Eisbrecher WAL im Nordostsee-Kanal
Eisbrecher WAL im Nordostsee-Kanal

Treideln für Anfänger

Treideln ist eine alte Methode, einen Lastkahn über Taue vom Ufer aus über längere Strecken zu bewegen. Als Zugmaschinen dienten damals Pferde oder Menschen. Was hat das mit einem Dampfschiff zu tun? Das Schleusen ist schon sehr eindrucksvoll, noch mehr die Fahrt durch den Nordostsee-Kanal, vor allem in der Dämmerung, als die WAL mit nautischer Beleuchtung folgte. In Rendsburg gingen die Tagespassagiere von Bord, doch KAPTIÄN MEYER dampfte weiter bis zu einem Liegeplatz im Hafen von Brunsbüttel. Als wir dort um 01:00 ankamen, lagen am vorher zugewiesenen Liegeplatz zwei Yachten, so daß die KAPTIÄN MEYER in deren Nachbarschaft festmachen mußte. Am nächsten Morgen sagte der Hafenmeister, dass genau an diesem Platz ein Kümo für die Kranentladung erwartet werde und die KAPTIÄN MEYER "mal eben drei Schiffslängen verlegen solle". Schmunzelnd klärte die Crew ihn auf, dass ein Steamer dazu ersteinmal Feuer unter die Kessel machen muss. Vor drei Stunden dreht sich da kein Propeller!

Wir treideln.
Wir treideln.

Da es jedoch pressierte, langten Kapitän, Mannschaft und Passagiere kräftig zu und pullten unterstützt von einem herbeigerufenen Gabelstapler die KAPTIÄN MEYER an den Leinen 150 Meter vorwärts. Jetzt hatten wir uns alle den freien Tag mit Landgang verdient. Ausgiebig erkundeten wir Brunsbüttel, die Schleusen und das Museum. Nachmittags saßen wir an Bord und sahen die SCHAARHÖRN anlegen, beobachteten die Saugbagger bei der Arbeit und viele andere interessante Schiffe.

SCHAARHÖRN
SCHAARHÖRN

Bagger WILHELM KRÜGER
Bagger WILHELM KRÜGER

Schwer ist der Weg nach Tönning

Am darauffolgenden Morgen trafen schon früh um 5:30 viele Tagesgäste ein, die mit nach Tönning wollten. Unter ihnen auch höchste Persönlichkeiten der WSD-Nord und des WSA-Tönning. Nach dem Verlassen der Schleuse dampfte KAPTIÄN MEYER in die Elbe, wo reger Verkehr herrschte. Cuxhafen Traffic meldete über Funk für das vor uns liegende Fahrgebiet Windstärke 6 mit Böen 7 aus Ost. Das machte die Schiffsführung sehr nachdenklich, denn Ostwind treibt das Wasser aus der Eider. Bei einem Tiefgang von 3,5 Metern wird damit die Strecke zwischen dem Eider-Sperrwerk und Tönning zu einer Zitterpartie. Um nicht zu früh vor dem Hochwasser den kritischen Abschnitt befahren zu müssen, kreuzte KAPTIÄN MEYER vor der Westerplate. Dabei kam es zu einer besonderen Begegnung zwischen KAPTIÄN MEYER, die als Tonnenleger 1950 bis 1983 in diesem Revier tätig war, und dem Nachfolgebau TRITON. Wieder erfolgte eine lautstarke Begrüßung.

TRITON - Begegnung auf See
TRITON - Begegnung auf See

Gegen 16:00 erreichte KAPTIÄN MEYER den Vorhafen der Sperrwerksschleuse, benötigte jedoch einige Zeit, um gegen den böigen Wind in die Schleuse einzufahren. Für diese Zeit war die Zugbrücke geöffnet und somit die darüber verlaufende Landstraße im Berufsverkehr gesperrt. Jetzt begannen die letzten spannenden Augenblicke der Reise mit der Fahrt eideraufwärts zum Käpitän-Meyer-Kai am Tonnenhof. Mit langsamster Fahrt voraus tastete sich KAPTIÄN MEYER vorwärts; stellenweise war nicht mehr die sprichwörtliche Handbreit Wasser unter dem Kiel... Endlich kommt der Tonnenhof in Sicht. Mit einem Typhon-Signal kündigte KAPTIÄN MEYER seine Ankunft an und wird wenig später von den wartenden Tönningern begrüßt.

Rund um die KAPTIÄN MEYER

Bei der KAPTIÄN MEYER handelt es sich um einen Dampftonnenleger mit zwei ölgefeurten Wasserrohrkesseln und zwei Dreifach-Expansionsmaschinen à 500 PS. Die Länge beträgt 52,10 m, die Breite 9,20 m und der Tiefgang 3,50 m. Eigner ist die Seglerkameradschaft Klaus Störtebecker, die auch die Unterhaltung bestreitet und die komplette Mannschaft stellt. Idealismus und Einsatzbereitschaft sind primär erforderlich solche Raritäten zu erhalten, das haben die Störtebeckers in den letzten zwanzig Jahren bewiesen. Geld und Sachspenden werden aber auch gebraucht. Anschriften und weitere Informationen findet man unter http://www.dampfschiffe.de/schiffsregister/kapitaen_meyer.html Vielen Dank an die Crew für die offene Aufnahme, die liebe Bewirtung und eine unvergessliche Fahrt!

KAPITÄN MEYER am Pier
KAPITÄN MEYER am Pier

Technische Daten

Seebeck-Werft Bremerhaven
Baujahr: 1949 /50, Bau-Nr.: 675
Restaurierung 1984 /85
Länge: 52,10 m
Breite: 9,08 m
Tiefgang: 3,50 m
Verdrängung: 555 BRT
Maschinenleistung: 2x 500 PS
2 WAHODAG / MAN Wasserrohrkessel (4,5 t / h) ölbefeuert
2 Dreifach-Expansionsmaschinen, 2x 500 PS, direkt gekuppelt,
2 Schiffsschrauben, Geschwindigkeit 22 km/h

Trimaran ALWALOT
Trimaran ALWALOT

BUGSIER 11 im Nordostsee-Kanal
BUGSIER 11 im Nordostsee-Kanal

Nachsatz:

Die Bilder sollen kein Schiffsporträt der KAPTIÄN MEYER ergeben, sondern ein Eindruck von der Vielfalt vermittlen, die sich dem Schiffsfreund auf so einer Fahrt bietet. Abgesehen von den Traditionsschiffen begegneten uns Behördenboote, Tonnenleger, Kutter, Minensucher, Lotsenboot, Bagger, Schlepper usw. Ein regelrechtes Akkord-Fotografieren war das!

Flensburg Tugboat
Flensburg Tugboat

MANUS
MANUS

PARAT
PARAT


Fifi-Equipment PARAT

Peter Frieß, Mai 2005